Sunda Kelapa Ship Worker
Doreen & Ed & Crew
Doreen & Ed gehen über die Planke
Fischmarkt & Müll
Kultur und Dreck
28.06.2005 von Ed

Früh klingelte dann das Telefon. Zuerst das Festnetz, dann Carstens Handy. Seine (uns noch unbekannte) Tante war dran und schlug vor, mit uns Museum, Hafen und Tempel anzuschauen, worüber wir uns natürlich freuten.


Sunda Kelapa

Gegen 10 wurden wir von Tante Mercia mit Fahrer abgeholt und es ging los in die Altstadt Jakartas (Sunda Kelapa) zu einem Museum. Dieses war eigentlich geschlossen, doch Mercia schaffte es den Museumsführer zu einer Privatführung zu überreden ;-). Dieser berichtete übrigens mit Stolz, dass er auch schon Helmut Kohl durch die Gemäuer geführt hat.

Die Führung war recht interessant, auch wenn ich teilweise Probleme hatte, sein Englisch zu verstehen. Kurz zusammengefasst: Die Holländer brachten die westliche Zivilisation hierher (beuteten also das Land als Kolonie aus) und karrten von hier diverse Gewürze nach Europa. Das Museum war deshalb auch in einer 200 Jahre alten Lagerhalle untergebracht, enthielt diverse holländische Originaldokumente, Schiffsmodelle und -teile usw.

Danach fuhr der Museumsführer mit uns zum anliegenden Hafen für Tropenhölzer. Erst wollte man uns nicht reinlassen, ein Wink vom Museumsführer änderte aber die Meinung sofort. Man fühlte sich mit einem Mal um 200 Jahre zurückversetzt. Auf Landseite stapelten sich Holzbalken, welche von Arbeitern auf der Schulter herumgetragen wurden. Auf Seeseite ankerten mehrere Segelschiffe aus Holz, wie man sie sonst nur aus Piratenfilmen mit Eroll Flynn kennt.


Das Schiff wird geentert

Der Museumsleiter kletterte spontan über eine ca. 5m lange und 20 cm breite Holzplanke auf eins der Schiffe und winkte uns, ihm zu folgen. Wir schauten uns verängstigt an, denn unterhalb der Planke wartete in 3m Tiefe die Hafenbrühe. Naja, dachte ich mir, einer muss ja anfangen und wandelte mit ziemlichem Herzklopfen hinüber. Doreen traute sich geführt vom Museumsleiter auf einer parallel daneben liegenden Planke auch hinüber. Carsten entschied sich wie ein richtiger Profifotograf für den tollen Überblick, den man vom Hafen auf das Schiff hatte und blieb an Land ;-).

Wir sind mit Doreen dem Museumsleiter gefolgt, trafen auf unserem Weg zum Dach mehrere Arbeiter auf zwei Decks, die gerade Pause machten und sich tierisch über die Abwechslung freuten. Auf dem Dach angekommen hatte man einen tollen Ausblick und ich konnte für Carsten eine „I’m the King of the World“-Pose hinlegen :-). Beim Abstieg machten wir noch ein paar Bilder von und mit den Arbeitern, fotografierten auf Wunsch auch die Arbeiter vom Nachbarschiff und waren nach einem weiteren abenteuerlichen Plankenspaziergang wieder an Land.

Danach ging es zum Rathaus, welches früher wohl auch noch Gefängnis war. Die Räumlichkeiten erinnerten mich wieder an Piratenfilme (Verließ mit stehendem stinkendem Wasser, Raum mit tiefer gewölbter Decke und Eisenkugeln zum anketten). Im Hof des Gebäudes sah man einen Brunnen mit Verbindung nach draußen, in den wohl verstorbene Gefangene zum Zwecke der Entsorgung geworfen wurden. Achja, und mehrere Hähne, ein Huhn (die arme) und Puten liefen auch rum. Ob das nun ein Streichelzoo oder die Nahrungsvorsorge der Beamten war, konnte nicht ermittelt werden.

Auf dem Weg zum Auto meinte der Museumsführer zu mir, ob ich seine Bemühungen nicht entlohnen möchte. Ich meinte: klar, gern! Zuvor hatte jedoch Mercia zu Carsten gemeint, dass wir ihm nichts geben sollten, da sie das übernimmt. Jedenfalls war ich gerade am Brieftasche zücken, als Mercia zu dem Führer kam und ihm ein paar Scheine in die Hand drückte. Da war ich etwas verunsichert und steckte das Geld wieder weg. Kurz nach dem sie weg war, streckte der Führer seine Hand zu mir aus und bekam… einen feuchten Händedruck. Ich wunderte mich in dem Moment nur über das etwas enttäuschte Gesicht danach, hatte aber auch keine Gelegenheit, ihm noch etwas zu geben. Er dachte bestimmt: geiziger Sack. Naja, wir sehen ihn ja ehh nicht wieder, ein bisschen blöd kam ich mir aber schon vor.

Überhaupt scheint hier auch die kleinste Dienstleistung (z.B. Hilfe beim Ausparken) entlohnt zu werden, was auch erwartet wird. Daran muss man sich als Europäer erst einmal gewöhnen. Ich persönlich hätte immer die Befürchtung, die Leute zu beleidigen.


Tempel

Nach dem wir uns vom Führer getrennt hatten, fuhren wir zum chinesisch, buddhistisch, hinduistischen Tempel. Die drei Bereich waren natürlich nicht vermischt sondern in einzelnen Bereichen. Uns Touristen trat man sehr freundlich entgegen und wir durften auch ungehemmt fotografieren. Da ich in Religionen nicht sehr bewandert bin, kann ich nicht viel dazu sagen, außer dass alles ziemlich bunt war. Genauer gesagt, die Chinesen und Buddhisten waren eher goldverliebt, die Hindu hatten da eher keine Präferenzen, sondern zeigten eine große Farbenverspieltheit. Teilweise mussten die Schuhe ausgezogen werden, was man ja auch von anderen Kirchen kennt. Nachdem wir unsere Religionskenntnisse erweitert hatten, wurden wir von Mercia in ein piekfeines, „Singapur“ genanntes Restaurant zum Essen eingeladen. Es war sehr lecker und hiermit nochmals ein Herzliches Dankeschön!


Dreck

Von piekfein ins dreckigste Moloch, was ich je gesehen habe, ging’s nach dem Essen. Dieses Drecksloch nannte sich Fischmarkt. Was wir da sahen, kann ich kaum in Worte fassen. Bereits an der hier überall obligatorischen Zahlstation wehte uns ein ekliger Duft entgegen. Wir fuhren weiter eine Straße entlang, wo rechts und links diverse Stände aufgebaut waren, wo verschiedene Fischartikel verkauft wurden. Vieles war ungekühlt und die Verkäufer mussten ständig die Fliegen durch wedeln fernhalten. Der Boden war eine Mischung aus Schlamm und Abfällen, durch den alle barfuss wateten. Der am Ende liegende Hafen zeigt diverse schrottreife Holz-Kähne im Wasser (dessen Zusammensetzung ich mir gar nicht ausmalen will). An Land waren unendliche Müll- und Schuttberge, wie ich sie nichtmal von Mülldeponien kenne und dazwischen Hütten aufgebaut, wo Menschen hausen. Ich war richtig schockiert von diesem Anblick, und selbst Doreen, die durch Kolumbien eigentlich abgehärtet ist, meinte, so was hat sie noch nicht gesehen. Wir waren auch recht froh, dass wir nicht aus dem Auto aussteigen mussten sondern mit Jazzklängen im Ohr und Klimaanlage im Auto mit abgeklebten Scheiben durch diese Hölle fuhren. Dieser krasse Gegensatz von Luxus und Elend war erschütternd.

Danach gings noch mit ca. 10 min Fahrt dazwischen in eines der zahlreichen Einkaufszentren, welches innen sehr prunkvoll und sauber war, natürlich klimatisiert, und mal wieder im krassen Gegensatz zu dem gerade erlebten stand. Dort berieten wir uns erstmal 10 min, welchen Drink (Joghurtshake, Milchshake, Früchteteeshake, welche Frucht usw.) wir jeder nehmen möchten. Je mehr ich mir vor Augen führe, wie grotesk die ganze Situation war, desto mehr kann ich nur mit dem Kopf schütteln. Nachdem wir eine Stunde durch diese Center getigert sind, fuhr uns der Fahrer von Mercia, welche weiter ihren Einkaufsbummel fortsetzte, nach Hause. Nicht dass man mich falsch versteht: ich verurteile hier niemanden oder wage es, mir ein Urteil über die Menschen zu bilden. Ich finde nur, dass hier die Unterschiede zwischen den Ärmsten der Armen und der Zur-Schau-Stellung von Reichtum auf so engem Raum und deshalb so schockierend wie nirgendwo sonst sind.

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